DRITTES REISEJAHR
Im Monat August und September
Ist es wahrhaftig zu glauben, dass nun schon unser drittes Reisejahr begonnen hat? Ich mag es kaum glauben und doch ist es wahr. Verzeiht, dass seit meinen letzten Zeilen nun schon einige Tage ins Land gegangen sind. Nicht immer finde ich die nötige Einkehr und Ruhe, um unsere Erlebnisse und meine Gedanken zu notieren. Unsere Reise führte uns weit in den Osten und später in den Süden unseres Landes. Doch ich will nicht den zweiten Schritt vor dem ersten führen, daher beginne ich zunächst mit unserem Aufbruch gen Osten.
Frohen Mutes und ohne Schwierigkeiten fanden wir unseren Weg in die östliche Gemarkung, wo wir auf alte Bekannte trafen. Die teutschen Ritter nahmen uns – wie schon zu Beginn unserer Reise – freundlich auf und gestatteten uns, bei Ihnen unser Lager aufzubauen. Nicht weit entfernt von einem großen bunten Markt konnten wir also in Ruhe unser Haupt niederlegen und Ursus übernahm gerne einmal die Nachtwache. Denn zum Ausgleich konnten wir die anderen Nächte ruhig und sicher schlafen.
Ich lernte wieder einiges dazu, denn die Frauen des Lagers ließen mich gerne daran teilhaben, wenn für eine so große Gruppe gekocht wird, auf dass alle Mägen wohl gefüllt sind. Wer hätte gedacht, dass ein Huhn so köstlich schmeckt, wenn es in Bier gekocht wird. Ich hoffe nur, dass Ursus ein Einsehen hat, wenn ich demnächst seinen kostbaren Vorrat auch zum Kochen verwende. Sicher bin ich mich dessen allerdings nicht.
Zudem konnten wir viele nützliche Dinge erstehen und unsere Vorräte ergänzen, auf dass wir solcherart gerüstet den weiteren Weg antreten konnten, der uns nach vielen Tagen in den Süden führte. Bei strahlendem Sonnenschein schlugen wir unser Lager im Schutze eines mächtigen Klosters auf, dessen trutzige Mauern eher einer Festung gleichen. Ganz seltsam war mir zumute, als ich in der Klosterkirche stand und an unsere halbfertige Kapelle zuhause dachte. Wann wir sie wohl wiedersehen werden?
Wir verbrachten ruhige Tage im Kreise von anderen Reisenden, die diesen schützenden Platz zu schätzen wussten. Mit den Vagabunden des Südens verbrachten wir lustige Abende und gar mancher Scherz wurde beim Schein des Lagerfeuers erzählt. Der Himmel weinte, als wir Abschied nahmen und sich unsere Wege wieder trennten, doch wir hoffen – wie stets – auf ein baldiges Wiedersehen.
Inzwischen sind wir nun in unserem Winterlager angekommen und auch die wichtigste Entscheidung ist gefallen.
Unsere Reise geht weiter!
Ursus hat lange mit sich gerungen, ob er das Angebot seines Onkels zur Rückkehr annehmen kann, doch seine Verpflichtung gegenüber seines Schwures wiegt für ihn schwerer. Er stellte es mir frei, ob ich nicht in den Schutz der heimischen Burg zurückkehren möchte, doch ich mochte und konnte ihn nicht verlassen. Mein Platz ist an seiner Seite. Immer.
Welch dunkler Ort wäre diese Welt ohne Liebe?
Im Monat Oktober
Welch schönes Wetter ist uns die letzten Wochen doch beschieden worden! Ich bin froh, dass wir unsere Holzvorräte noch schonen können und unsere Kleider trocken sind. Ein sonniger Monat hat uns die Möglichkeit gegeben, doch noch etwas herumzureisen und kleinere Fahrten zu unternehmen. So ist auch unsere Reisekasse wieder gefüllt und wir können beruhigt in die Zukunft blicken.
Ursus brachte von einem Bauern goldene Äpfel mit, von denen ich einige zu einem sehr schmackhaften Essen verarbeitet habe. Der Rest geht in unseren Wintervorrat. Zum Glück haben wir eine sehr brauchbare Kiste, die unsere Vorräte beinhaltet. Mäuse und anderes Getier hatten bislang keine Möglichkeit und ich hoffe sehr, dass dies auch weiterhin so bleibt. Es ist mühsam genug, Vorräte zu sammeln und aufzubewahren als dass wir sie auch noch mit dem Kleingetier teilen wollten.
Unser Karren hat neue Räder bekommen, so dass wir nicht befürchten müssen bei Schnee und Schlamm steckenzubleiben, sofern wir einmal in schlechtes Wetter kommen sollten. Ich hoffe auch hier, dass er die kalte und feuchte Jahreszeit gut übersteht und keinen Schaden nimmt.
Ein Wochenende stand im Zeichen der Familie! Groß war die Freude, liebe Gesichter wiederzusehen und zu hören, was die Zeit inzwischen für alle gebracht hat. Ich hatte einen großen Kessel mit Fleisch aufgesetzt und konnte allen eine gute Schüssel deftigen Eintopf mit geschmälzten Zwiebeln anbieten, den ich von meiner Amme gelernt hatte. Es wurde also auf das Trefflichste geschmaust. Viel zu schnell verging die Zeit und der Abschied fiel schwer. Aber die Aussicht auf ein Wiedersehen tröstet auch hier.
Pflegt die Erinnerung an eure Herkunft und Vergangenheit, denn sie bestimmt eure Gegenwart und Zukunft.
Im Monat November
Wer hätte gedacht, dass wir in diesem Jahr noch um diese Jahreszeit trockenen Fußes reisen können. Vor einem Jahr steckten wir bis zum Hals in Schnee fest. Nicht, dass Ihr meine Worte falsch versteht – ich beschwere mich nicht, sondern verleihe lediglich meiner Überraschung hier Ausdruck.
Leider gibt jedoch durchaus auch Klagenswertes zu berichten, denn sowohl Ursus als auch ich haben von einem Zahn Abschied nehmen müssen. Ohne viel Federlesens zu machen, wurde er mitsamt der Wurzel vom Zahnbrecher entfernt. Ursus nahm es wie ein Mann, ich hatte hinterher doch eher wackelige Knie von dieser Prozedur, die ich nun wirklich niemandem an den Hals wünsche. Zum Glück ist dies jedoch schon wieder Vergangenheit und alles ist gut verheilt.
Das prachtvolle Wetter gab uns Gelegenheit nochmals eine Fahrt zur Höh‘ anzunehmen und bei der Gelegenheit auch dem Graf und der Gräfin von Blutlohe unsere Aufwartung zu machen. Viele Handwerker und Händler hatten sich ebenfalls eingefunden und zu Beginn wurde sogar eine Hetzjagd auf ein wildes Borstenvieh veranstaltet. Die Seifensiederin hatte ein gut duftendes Stück für mich und so werde ich Ursus demnächst wieder einmal zu einem Gang in die Badestube überreden.
Nun will ich eilen und mich meinen fraulichen Pflichten widmen, denn das Essen wird nicht allein den Weg vom Kessel auf den Teller finden. Ein ordentliches Stück Fleisch wartet darauf, in eine wohlschmeckende Mahlzeit verarbeitet zu werden. Wünscht mir Glück, auf dass ich am Ende des Tages nicht ein Stück Holzkohle im Kessel vorfinde!
Nehmt den Regen als Vorfreude auf die nächsten Sonnenstunden!
Im Monat Dezember
Allerlei Kurzweyl, lustiges Treiben und ein buntes fröhliches Bild erwartete uns beim Besuch der trutzigen Ronneburg. Köstliches aus der Pfanne füllte unsere Mägen und süßes Zuckerwerk verleitete uns zum Naschen.
Trotz der Kälte, trotz des Regens und trotz des eisigen Windes führte uns unser Weg hinauf zur Burg. Schon manchen Winter hat sie erlebt und ein merkwürdiges Gefühl überkommt mich immer, wenn ich eine Hand an das Gemäuer lege und mir vorstelle, was diese Steine alles erzählen könnten.
Rasch verging die Zeit und ehe wir uns versahen, stand das heilige Fest zu Christi Geburt kurz bevor. Ursus sorgte für ein warmes Feuer und in seinem Arm vergaß ich die Sorgen um unsere Zukunft. Er gibt mir Halt und Stärke, so dass ich wieder gelassen darauf warten kann, was uns die Zeit bringen wird.
So überstanden wir auch eine tüchtige Erkältung, die unsere Nasen das Laufen lehrte und wir uns im Niesen abwechselten. Fast unbemerkt kam so der letzte Tag des Jahres und brachte uns lieben Besuch vorbei. Auch wenn wir nicht viel hatten, teilten wir das Wenige doch gerne und erfreuten uns an den Neuigkeiten aus der alten Heimat.
Ursus nutzte die Ruhe der letzten Tage, um unsere Reisestrecke für das nächste Jahr festzulegen und ich öffnete alle Truhen und Kisten und sortierte unsere Kleidung. Vieles muss geflickt werden, manches ist nicht mehr zu gebrauchen. Es gibt für uns beide viel zu tun, wenn wir wohl gerüstet das neue Jahr beginnen wollen.
Mistet ruhig einmal eure eigenen Truhen aus, mit weniger Ballast reist es sich viel leichter!
Im Monat Januar
Kurze Tage. Dunkelheit.
So begann das neue Jahr. Doch wir halten tapfer mit Feuer, Suppe und Würzwein dagegen. Die Felle, die wir unser Eigen nennen können, halten uns des Nächtens warm. Manches Mal denke ich, dass meine Finger nicht mehr zu mir gehören, doch dann haucht Ursus seinen warmen Atem darüber und dann spüre ich nicht nur in den Fingern ein heißes Kribbeln. Es muß also doch noch Leben in mir sein!
Wisst Ihr, diese Tage, die uns zum Rasten zwingen, weil uns das Wetter seine Macht zeigt, lässt mir genügend Zeit, innezuhalten. Trotz der äußeren Umstände fühle ich mich geborgen und sicher. Mein Gemahl an meiner Seite und ein geschützter Platz zum Kochen und Schlafen sind viel mehr wert als mancher Tand und Zierrat, den ich früher anhäufte.
Insofern ist diese Reise ein andauerndes Lernen. Über mich, über uns, über das Leben. Ich bin gespannt, wo es es uns noch hinführen wird und welche Lehren wir dereinst daraus ziehen werden.
Seht jede Herausforderung nicht nur als Last, sondern vor allem als Gelegenheit zum Lernen.
Im Monat Februar und März
Eis und Schnee. Kälte. Schnee und Eis. Kälte.
Wieder sind viele Tage ins Land gegangen. Wir haben unser Winterlager aufgegeben und sind weitergezogen.
Ursus' Tag seiner Geburt jährte sich und ich habe ihm nichts anderes als Gabe überreichen können als ein Beutelchen aus Leder. Das aufgemalte Spiel soll ihm etwas Kurzweil bescheren, wenn wir rasten oder ein Halt von Nöten ist. Ich glaube, er hat sich sehr darüber gefreut.
Durch die Lande meine Vaters reisend, konnten wir auch unseren ersten Markttag dieses Jahres besuchen. Viele Händler boten ihre Ware feil und es gab vielerlei zu sehen und fremde Köstlichkeiten zu versuchen. Es war ein sonniger Tag, doch die gesellige Zeit war viel zu schnell vorüber, denn noch sind die Tage kurz und wir mussten weiter, um noch vor der Dunkelheit unsere sichere Lagerstatt aufzusuchen.
Doch so schön diese Stunden waren, so schwierig waren die folgenden Wochen, denn das noch kalte und unbeständige Wetter forderte seinen Tribut. Husten und Schnupfen ereilte uns und manch düstere Gedanken fanden ihren Weg in meine Träume und färbten sie dunkel. Es ist nicht immer einfach, sich davon zu befreien und sodann frohen Mutes den nächsten Tag zu beginnen.
Eine Nachricht von Ursus' Onkel brachte uns nun in das Gebiet des Klosters Selbold. Im Schutze der trutzigen Burgmauern erlebten wir auch hier einen bunten Markttag, an welchem Ursus eine neue Kopfbedeckung erstehen konnte. Stattlich sieht er damit aus und ich glaube, dass noch große Taten auf ihn warten. Er will es nicht hören und winkt immer lachend ab, wenn ich es sage. Doch ich bin mir ganz sicher. Aber nun bin ich gespannt, welche Aufgabe hier auf uns wartet. Ursus' Onkel hat in seiner Botschaft nicht viel dazu geschrieben, doch er will uns hier eine weitere Nachricht zukommen lassen.
Die Tage werden länger. Freut euch an den hellen Stunden und dem munteren Gezwitscher der Vögel.
Die Erlebnisse während unseres Zweiten Reisejahres findet Ihr hier.
Die Erlebnisse während unseres Ersten Reisejahres findet Ihr hier.